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Essstörungen sind weit mehr als ein Schlankheitstick

Essstörungen stellen ein ernst zu nehmendes gesundheitliches Problem dar. Es handelt sich um schwerwiegende psychische Störungen, die auch gravierende körperliche Folgen nach sich ziehen können. Allen Essstörungen gemeinsam ist, dass Essen, die Beschäftigung mit Figur und Gewicht sowie gewichtskontrollierenden Maßnahmen in hohem Maße das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen bestimmen. Bleiben Essstörungen zu lange unerkannt und unbehandelt, drohen ernsthafte und langfristige Gesundheitsschäden.

Im Therapie-Centrum für Essstörungen (TCE) und in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin behandeln wir Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Essstörungen. Das therapeutische Spektrum reicht von intensivmedizinischen Maßnahmen bis zur Nachsorge. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Psychotherapie. Unser Konzept basiert auf einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz unter Berücksichtigung vielfältiger Methoden aus dem Bereich der Kunst-, Körper- und Familientherapie. Die Behandlung erfolgt in erster Linie teilstationär in Kombination mit therapeutischem Wohnen und findet überwiegend in Gruppen statt, bei Bedarf ergänzt durch einzeltherapeutische Sitzungen. Bei erheblichem Untergewicht oder bei Verdacht auf medizinische Komplikationen können Patientinnen ohne Wartezeit auf der jugendmedizinischen Station (Station 33) des Klinikums Dritter Orden aufgenommen werden.

Weitere Informationen zum Behandlungsangebot des TCE finden Sie in unseren FAQs.

Essstörungen

Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen

 

Essstörungen und ihre Erscheinungsformen

Essstörungen lassen sich im Wesentlichen in drei Gruppen einteilen:

Magersucht (Anorexie)
Ess-Brech-Sucht (Bulimie)

Esssucht Binge-Eating-Störung

Die folgende Skala zeigt den Zusammenhang zwischen diesen drei Störungsbildern:

Essstörungen und ihre Erscheinungsformen

Die Überlappungen der Kreise machen deutlich, dass die Symptome der einzelnen Krankheitsbilder sich überschneiden. So können beispielsweise Heißhungerattacken sowohl bei einer Anorexie als auch bei einer Bulimie oder eine Binge-Eating-Störung auftreten. Zum anderen zeigen die Überschneidungen, dass sich das Erscheinungsbild einer Essstörung im Verlauf der Erkrankung häufig wandelt, z.B. eine Anorexie in eine Bulimie übergeht. Zwischen den genannten drei Krankheitsbildern gibt es auch zahlreiche Mischformen.

Essstörungen gehen häufig mit medizinischen Komplikationen und psychischen Begleiterkrankungen einher.

Magersucht (Anorexia nervosa)

Die Wahrscheinlichkeit, an Anorexie zu erkranken, liegt für junge Erwachsene bei 0,5 bis 1%. An Magersucht erkranken überwiegend Frauen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Nur jeder elfte Betroffene ist männlich.

Was Fachleute unter einer Magersucht verstehen, ist genau definiert. Für die Anorexia nervosa gelten im Wesentlichen folgende Merkmale:
Anorexia nervosa
Diagnosekriterien nach DSM-IV (gekürzt)

  • Untergewicht von 15% oder mehr (BMI < 17,5)
  • Angst, zu dick zu sein oder zu werden
  • Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts sowie übertriebener Einfluss von Gewicht und Figur auf die Selbstbeurteilung
  • Ausbleiben der Monatsblutung


Subtypen der Anorexia nervosa

  1. Restriktiver Typ
    Beim restriktiven Typ der Anorexia nervosa wird der Gewichtsverlust nur durch Vermeidung von kalorienreichen Speisen und durch vermehrte körperliche Aktivitäten erreicht.
  2. Binge-purging-Typ
    Beim Binge-purging-Typ der Anorexia nervosa treten regelmäßige Heißhungerattacken auf und/oder die Betroffenen führen Erbrechen herbei oder gebrauchen Abführmittel oder entwässernde Medikamente.

Für Betroffene beider Untergruppen ist ein großer Teil des Tages damit ausgefüllt, das komplizierte Leben nach den eigenen Regeln zu organisieren. Magersüchtigen wird oft Appetitlosigkeit unterstellt. Das ist aber nicht der Fall. Die Beschäftigung mit Essen, das Träumen von köstlichen Mahlzeiten, das Lesen von Kochbüchern und Überlegungen, wo und was an Nahrung noch eingespart werden kann, beherrschen ihre Gedankenwelt. Hungern gilt als Leistung. Diese Leistung stärkt das Selbstbewusstsein und vermittelt das Gefühl, etwas Besonderes zu können und zu sein.

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Bulimie (Bulimia nervosa)

Auch an Bulimie erkranken mehr Frauen als Männer. Es wird geschätzt, dass zwischen 1 und 3% der Frauen im Alter von 15 bis 35 Jahren die Diagonsekriterien einer Bulimie erfüllen. Die Auftretenswahrscheinlichkeit der Bulimia nervosa ist damit ca. dreimal höher als die der Anorexia nervosa. Das häufigste Erkrankungsalter liegt zwischen 16 und 19 Jahren. auch an Bulimie erkranken zehnmal mehr Frauen als Männer.

Bulimia nervosa
Diagnosekriterien nach DSM-IV (gekürzt)

  • Heißhungerattacken
  • Kompensatorische Maßnahmen (z.B. Erbrechen) zur Vermeidung einer Gewichtszunahme
  • Heißhungerattacken und kompensatorische Maßnahmen kommen mindestens zweimal pro Woche über drei Monate vor
  • Ausgeprägte Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von Körpergewicht und Figur
  • Die Störung tritt nicht ausschließlich bei einer Episode von Anorexia nervosa auf

Subtypen der Bulimia nervosa

  1. Purging-Typ:
    Beim Purging-Typ der Bulimia nervosa treten Verhaltensweisen zur Gewichtsreduktion wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln und entwässernden Medikamenten auf.
  2. Non-purging-Typ:
    Beim Non-purging-Typ werden nach Heißhungerattacken ausschließlich Fasten und gesteigerte Bewegung zur Gewichtsregulierung eingesetzt.


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Nicht näher bezeichnete Essstörung

Es gibt Patientinnen und Patienten, die offensichtlich an einer Essstörung leiden, die bei enger Auslegung der Kriterien weder als Magersucht noch als Bulimie bezeichnet werden kann. Aus diesem Grund wurde eine eigene Kategorie geschaffen, nämlich die "Nicht näher bezeichneten Essstörungen".

In den letzten Jahren gewinnt eine besondere Form einer nicht näher bezeichneten Essstörung an Bedeutung, die so genannte Binge-Eating-Störung (Esssucht). Untersuchungen weisen darauf hin, dass 1 bis 5% der Bevölkerung von dieser Störung betroffen ist. Das Erkrankungsalter liegt meist zwischen 20 und 30 Jahren. Rund ein Viertel der Betroffenen sind Männer.

Binge-Eating-Störung

Bei einer Binge-Eating-Störung treten wiederholte Episoden von Essanfällen mit Verschlingen großer Nahrungsmengen und dem Gefühl des Kontrollverlustes während der Heißhungerattacke auf. Diese Essanfälle sind mit Ekelgefühlen gegen sich selbst, Niedergeschlagenheit und Schuldgefühlen verbunden. Oft essen die Betroffenen aus Scham nur heimlich. Die Binge-Eating-Störung führt meist zu einer mehr oder weniger kontinuierlichen Gewichtszunahme. Ein kleiner Prozentsatz übergewichtiger Menschen leidet an dieser Form einer Essstörung. In der Mehrheit der Fälle tritt Übergewicht (Adipositas) jedoch unabhängig von einer Essstörung auf.


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Medizinische Komplikationen

Medizinische Komplikationen bei Essstörungen sind, wenn auch in sehr unterschiedlichem Schweregrad, nahezu unvermeidlich. Sie sind bedingt durch Unter- und Mangelernährung, Folgen des Erbrechens oder des Missbrauchs von abführenden und entwässernden Medikamenten sowie übermäßige oder zu geringe Trinkmengen. Durch Komplikationen können nahezu alle Organsysteme beeinträchtigt werden. In der folgenden Liste sind die wichtigsten Störungen aufgeführt:

  • Mund- und Gesichtsbereich:
    z.B. Drüsenschwellungen (besonders Ohrspeicheldrüse), Zahnkaries
  • Herz-Kreislauf-Störungen:
    z.B. verlangsamter Herzschlag, niedriger Blutdruck, Herzrythmusstörungen
  • Magen-Darm-Bereich:
    z.B. Speiseröhrenentzündung, Magenerweiterung und -entleerungsstörungen, Reizung der Bauchspeicheldrüse
  • Stoffwechselstörungen:
    z.B. Verminderung der Mineralsalze (Elektrolyte), Verminderung des Blutzuckers
  • Hormonstörungen:
    z.B. Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung), Schilddrüsenunterfunktion, Osteoporose, verzögerte Pupertät und Wachstumshemmung
  • Hautveränderungen:
    z.B. trockene Haut, Haarausfall, gelbliche Hautfarbe
  • Nervensystem:
    z.B. Konzentrationsstörungen, Verlangsamung, Depressionen, Erweiterung der Hirnwindungsfurchen und Hirnkammern, Nervenlähmungen
  • Niere:
    z.B. Nierenschädigung durch Kaliummangel

Diese keineswegs vollständige Liste an Funktionsstörungen und Organschäden zeigt, wie unentbehrlich medizinische Diagnostik und Betreuung in der Behandlung Essgestörter sind, unabhängig von der Art der Psychotherapie.


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Psychische Begleiterkrankungen von Essstörungen (Komorbidität)


Unter Komorbidität versteht man zusätzlich zu einer Essstörung auftretende psychische Störungen oder Erkankungen. Am häufigsten sind depressive Störungen, die in bis zu 70% aller Fälle die Anorexie oder Bulimie begleiten. Angst- und Zwangsstörungen finden sich vor allem bei der Anorexia nervosa, während bei der Bulimia nervosa ein begleitender Alkohol- oder Substanzmissbrauch häufiger ist als bei der Anorexie. Unter den Persönlichkeitsstörungen spielt das so genannte Borderline-Syndrom zwar nicht bezüglich der Häufigkeit, aber inhaltlich eine wichtige Rolle, da diese Patientinnen oft Schwierigkeiten haben, sich zum Beispiel in eine Gruppentherapie oder in eine Wohngemeinschaft einzufügen.


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Ursachen

Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen

 

Essstörungen – mehrere Faktoren müssen zusammen kommen

Die Ursachen von Essstörungen sind vielfältig. Es müssen mehrere Faktoren - biologische, familiäre, individuelle und soziokulturelle - zusammenkommen, damit sich eine Essstörung entwickelt. Dabei muss es sich nicht um einzelne sehr schwere Faktoren handeln, sondern es können auch mehrere leichte bis mittelschwere Belastungsfaktoren zur Erkrankung führen.

Biologische Faktoren

Familienuntersuchungen und Zwillingsstudien sprechen für eine erbliche Komponente bei der Entwicklung von Essstörungen. Bei eineiigen Zwillingen erkranken überzufällig häufig beide Geschwister. Auch körperliche Faktoren wie ein überdurchschnittlich hohes oder niedriges Gewicht vor Ausbruch der Krankheit können das Risiko für eine Essstörung erhöhen. Zudem finden sich bei Essgestörten biologische Veränderungen wie Neurotransmitterstörungen, Fehlfunktionen des Stoffwechsels und des Hormonsystems oder Störungen des Hunger- und Sättigungsgefühls. Manche dieser Veränderungen treten jedoch auch als Folge der Essstörung auf. Bei all diesen biologischen Faktoren ist davon auszugehen, dass sie das Risiko erhöhen, eine Essstörung zu entwickeln, wenn weitere Belastungsfaktoren aus anderen Bereichen hinzukommen.

Familiäre Faktoren

Es gibt keine typischen Eigenschaften oder Strukturen einer Familie, die als krankmachend gelten können. Kinder aus behüteten Familien können genauso an Essstörungen erkranken wie Kinder aus Familien mit vielen Konflikten. Dennoch gibt es einige Faktoren, die bei der Entstehung von Essstörungen von besonderer Bedeutung sind. In Familien anorektischer Patientinnen halten die Familienmitglieder oft eng zusammen und es herrscht eine hohe Norm- und Leistungsorientierung. Konflikte werden vermieden und die Eltern neigen dazu, ihre Kinder zu stark zu behüten.
Bulimische Patientinnen leben häufiger in Familien, die von heftigen Konflikten und einem Ideal der Stärke geprägt sind. Die Familienmitglieder neigen häufiger zu impulsiven Handlungen und zeigen weniger emotionales Einfühlungsvermögen als Angehörige nicht-essgestörter Personen.
Nicht selten leiden auch Familienangehörige von essgestörten Patienten unter psychischen Krankheiten, z.B. Essstörungen, Depressionen oder Alkoholabhängigkeit.

Individuelle Faktoren

Hierzu zählen ein niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus und Impulsivität. Das niedrige Selbstwertgefühl und der Perfektionismus drücken sich oft in tief verwurzelten Grundannahmen über sich und die Welt aus, wie zum Beispiel "Wenn ich nicht alles perfekt mache, bin ich ein Versager" oder "Nur wenn jeder mich mag und mein Verhalten gutheißt, bin ich als Mensch etwas wert". Perfektionismus steht vor allem bei anorektischen Patientinnen in einem deutlichen Zusammenhang mit der Entstehung einer Essstörung. Umgekehrt scheint die Impulsivität eher für die Entwicklung einer Bulimie relevant zu sein.


Soziokulturelle Faktoren

Essstörungen treten weit häufiger in Kulturen auf, die das in den Industrieländern vorherrschende Schlankheitsideal vertreten. In Ländern, die den westlichen Lebensstil übernehmen, steigen die Erkrankungszahlen deutlich an. Vor allem Frauen fühlen sich dem Schlankheitswahn verpflichtet, wenn sie im beruflichen und gesellschaftlichen Leben erfolgreich sein wollen. Die Werbung präsentiert retuschierte Idealfiguren, und die Bekleidungsindustrie verlockt mit kleinen Konfektionsgrößen vor allem junge Menschen dazu, den mageren Models nachzueifern. So entsteht ein Klima, in dem dick von vielen mit unattraktiv und unbeliebt, dünn mit attraktiv, glücklich und erfolgreich gleichgesetzt wird und in dem Essstörungen gut gedeihen können.

Noch wichtiger als das gesellschaftliche Schlankheitsideal sind oft die Äußerungen und Verhaltensweisen der Familie, Freunde und Klassenkameraden. Körperbezogene Kommentare bis hin zu Hänseleien oder die besondere Betonung von Schlankheit, Figur und Gewicht lassen in den Betroffenen die Überzeugung wachsen, dass sie schlank sein müssen, um anerkannt und beliebt zu sein.

Auslöser

Die oben genannten Ursachenfaktoren erhöhen das Risiko für die Entstehung einer Essstörung im Laufe eines Lebens. Ob und wann die Erkrankung tatsächlich auftritt, lässt sich dadurch jedoch nicht vorhersagen. Dem Krankheitsbeginn gehen häufig belastende Ereignisse voraus, die als Auslöser der Essstörung gelten können. Darunter fallen kritische Erlebnisse wie Trennung, Umzug, Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt und andere Belastungen, denen die Betroffenen sich nicht gewachsen fühlen.

Aufrechterhaltende Faktoren

Selbst wenn die Entstehungsbedingungen einer Essstörung in der Vergangenheit liegen und in der Gegenwart gar nicht mehr relevant sind, dauert die Störung oft weiter an, weil andere Faktoren den bestehenden Teufelskreis in Gang halten. Dazu gehören ein hohes Ausmaß an Belastung, mangelnde Stressbewältigungsstrategien (aktives Problemlösen, Gefühlsregulation, Entspannung), gezügeltes Essverhalten, eine verzerrte Körperwahrnehmung und problematische Denkmuster hinsichtlich Essen, Figur und Gewicht. Speziell für die Anorexia nervosa scheint auch das Kontrollgefühl, das als Folge der Störung entsteht, ein wichtiger aufrechterhaltender Faktor zu sein.

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Behandlungsablauf

Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen

 

Das Therapieprogramm:

Unser Therapieprogramm basiert auf einer kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientierten Gruppentherapie und folgt weitgehend den Prinzipien des Selbstmanagements. Dadurch liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Eigenverantwortung und aktiven Beteiligung der Patientinnen am therapeutischen Prozess.

Die Therapie ist inhaltlich und zeitlich strukturiert und in aufeinander folgende Phasen gegliedert:

  • Motivationsphase
  • Intensivphase
  • Stabilisierungsphase
  • Nachbetreuung


Die Dauer der Behandlung ist individuell verschieden und richtet sich nach Schweregrad und Dauer der Krankheit und eventueller Vorbehandlung.


Das Therapieprogramm ist multimodal und setzt sich aus folgenden Bausteinen zusammen:

Ernährungstherapie mit Essprogramm
Die Basis unserer Therapie bildet das Ernährungsprogramm. Wir sind der Überzeugung, dass Menschen, die sich jahrelang falsch ernährt haben - sei es, weil sie zu viel oder zu wenig, zu selten oder zu oft gegessen haben -, erst neu lernen müssen, vernünftig mit Nahrungsmitteln umzugehen. Aus diesem Grund gibt es im TCE ein strukturiertes Essprogramm mit dem Ziel, die abnorme Kalorienzufuhr, egal ob zu wenig oder zu viel, zu normalisieren. Dabei achten wir auf eine ausgewogene Ernährung ohne irgendeine Einschränkung in der Lebensmittelwahl. Wir verwenden viel frisches Gemüse und Obst, bereiten täglich Salate zu, ein- bis zweimal pro Woche essen wir Fleisch und einmal wöchentlich Fisch.

Menschen mit Essstörungen haben häufig nicht nur jegliches Maß für Auswahl, Menge und Zusammensetzung ihrer Nahrung verloren, sondern essen meist auch ohne jede Tagesstruktur. Von daher ist es uns wichtig, dass die vorgegebene Zeitstruktur in Bezug auf die Essenszeiten eingehalten wird.

Entscheidend für die Mahlzeiten ist, dass diese grundsätzlich in der Gruppe eingenommen werden. Dies vermindert die Angst vor dem Essen und fördert eine konstruktive Kritik untereinander. Während der Mahlzeiten sind keine Therapeutinnen anwesend, da wir die gegenseitige Unterstützung der Patientinnen für sinnvoller halten.

Die Essensstruktur dient dazu, vor allem zu Beginn der Therapie die Verantwortung für das Essen an die Ernährungstherapeutinnen abzugeben. Dies ist für viele Patientinnen eine große Hilfe und wird als deutliche Entlastung empfunden. Die Sicherheit und Selbständigkeit der Essensstruktur wächst zunehmend mit der Therapiedauer.

Ziel der Ernährungstherapie am TCE ist es, das Körpergewicht jeder Patientin dauerhaft im Normalbereich zu stabilisieren und die Patientinnen mit einer zu ihrem Alltag passenden und im Alltag durchführbaren Essensstruktur zu entlassen.

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Psychotherapeutische Gesprächsgruppen

Verhaltenstherapiegruppe
Die Verhaltenstherapiegruppe ist eine offene Problemlösegruppe, in der die Patientinnen aktuelle oder vorbereitete Themen besprechen können. Sie bietet Gelegenheit, sich mitzuteilen und dadurch Entlastung zu erfahren, Fragen an die Gruppe zu stellen und Rückmeldungen zu erhalten. Häufig kommen Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie zum Einsatz: Gemeinsam decken wir negative, hemmende Denkmuster auf und erarbeiten hilfreiche Alternativen, analysieren Rückfälle in symptomatisches Verhalten und suchen nach geeigneten Bewältigungsstrategien. In Rollenspielen können die Patientinnen neues Verhalten ausprobieren und einüben.

In der Verhaltenstherapie steht die Erarbeitung von Lösungsstrategien für den Alltag im Vordergrund. Ziel ist nicht nur die Problemlösung als solche, sondern auch eine Verbesserung der allgemeinen Problemlösefähigkeit. Die Verhaltenstherapie setzt in hohem Maße eine aktive Beteiligung der Patientinnen voraus. Die Methoden sind nicht auf den therapeutischen Rahmen beschränkt, sondern können und sollen jederzeit im Alltag geübt werden. Ein wesentlicher Bestandteil ist die
"Hilfe zur Selbsthilfe", d.h. in der Therapie soll den Patientinnen das nötige Rüstzeug für eine eigenverantwortliche zufrieden stellende Lebensgestaltung vermittelt werden.

Beziehungsgruppe
Auch die Beziehungsgruppe ist eine themenoffene Gruppe. Der Fokus liegt hier auf den Beziehungen der Patientinnen,
z.B. zu Familie, Gleichaltrigen, Partnern; wir arbeiten hier mit denselben Methoden wie in der Verhaltenstherapiegruppe.

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Fertigkeitentraining

Patientinnen mit Essstörungen sind kompetente Ratgeberinnen in vielen Bereichen. Sie sind empathisch, verständnisvoll und haben kluge und hilfreiche Ideen für andere Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Diese Fähigkeiten sind aber kaum abrufbar, wenn es um die eigene Person geht. Hier wird deutlich, dass den Betroffenen der Zugang zur eigenen Gefühlswelt und insbesondere das Zulassen und Wahrnehmen von unangenehmen Gefühlen sehr schwer fällt. Angst und Hemmungen sind vorhanden, wenn es darum geht, sich durchzusetzen, Ärger zu äußern, Nein zu sagen, andere um etwas zu bitten oder ein Kompliment anzunehmen. Zudem erleben Patientinnen mit Essstörungen oft eine quälende innere Anspannung, die sie durch Essanfälle, Kalorien einsparen oder andere selbstschädigende Maßnahmen abzubauen versuchen.

Das Fertigkeitentraining vermittelt hilfreiche Vorgehensweisen zum Umgang mit Stress und Belastungen, die eine Alternative zu symptomatischen oder selbstschädigenden Verhaltensweisen darstellen und den Druck reduzieren können. Außerdem lernen die Betroffenen, wie sie auf sich achten, sich selbst bewusst wahrnehmen und dadurch Genuss und Ruhe erfahren können. Nicht zuletzt geht es darum, sich in der Akzeptanz zu üben, dass bestimmte Situationen nicht verändert werden können, die eigene Lebensgeschichte so ist wie sie ist und es heilsam sein kann, sich einzugestehen: Ich kann daran nichts mehr verändern, aber es kann etwas Neues entstehen. Gefühlsregulation und Durchsetzungsvermögen sind weitere Themen, die im Fertigkeitentraining besprochen, diskutiert und vor allem geübt werden.

Die Gruppensitzungen zum Fertigkeitentraining verlaufen abhängig vom Thema sehr unterschiedlich. Bestimmte Inhalte werden von der Therapeutin vorgestellt, anderen Inhalten nähern sich die Patientinnen selbst durch Kleingruppenarbeit oder das Sammeln eigener Ideen. Im Vordergrund steht immer das Üben (allein und gemeinsam), auch über die Sitzungen hinaus.

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Kunsttherapie

Bei der Kunsttherapie handelt es sich um eine Psychotherapie mit bildnerischen Mitteln. Die Kunsttherapie setzt dort an, wo die Worte fehlen, z.B. weil das seelische Erleben noch zu verschwommen, zu vielschichtig, zu schrecklich, zu gefährlich oder zu beschämend sein mag. Durch den nonverbalen kreativen Ausdruck können konfliktreiche innere Bilder und Vorstellungen in geschütztem Rahmen bildnerisch verändert, erprobt und schließlich verwandelt werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild.

Die inhaltlichen Themen werden vorgegeben oder gemeinsam in der Gruppe entwickelt. Es stehen vielfältige Arbeits-
materialien zur Verfügung, die zur kreativen Gestaltung anregen (z.B. Buntstifte, Kohle und Graphit, Kreiden, Wasser- und Acrylfarben, Ton, Materialien für Collagen etc.). Am Ende jeder Therapiesitzung besprechen wir gemeinsam ausgewählte Arbeiten. Dabei können die Wahrnehmungen der anderen Gruppenteilnehmerinnen wertvolle Anregung und Hilfestellung bieten.


Die Kunsttherapie ermöglicht den Patientinnen ein aktives Handeln mit sichtbarem Ergebnis, das oft als lustvoll und befreiend empfunden wird. Da nicht das Anwenden von ausgewählten künstlerischen Techniken oder ein "künstlerisches Endprodukt" im Vordergrund stehen, bietet das freie Gestalten die Chance, allzu perfektionistische Ansprüche zugunsten eines kreativen Prozesses ohne Bewertungen abzubauen.

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Körperorientierte Psychotherapie

Die Ablehnung des eigenen Körpers ist eines der schwerwiegendsten Symptome einer Essstörung. Viele Betroffene berichten, ihren Körper als zu dick wahrzunehmen, sich vor ihm zu ekeln, ihn als Fremdkörper zu erleben oder ihn regelrecht zu hassen. Sie weigern sich, ihn zu berühren oder ihm die notwendige Fürsorge zukommen zu lassen, quälen ihn mit Fastenkuren, exzessivem Sporttreiben oder selbstverletzenden Verhaltensweisen und missachten dabei jede Schmerz-
grenze. Auch die Angst vor einer Gewichtszunahme ist eng mit der körperlichen Selbstabwertung verbunden.
Aus diesem Grund spielt die Körpertherapie am TCE eine so wichtige Rolle.

Die Körpertherapie hilft den Betroffenen, ihren Körper und seine Bedürfnisse besser wahrzunehmen, individuelle Kraftquellen zu erschließen, ihre körperliche Erscheinung und ihre Weiblichkeit so zu akzeptieren, wie sie ist, Gefühle deutlicher zu spüren und den Mut zu finden, sie offen auszudrücken. Um diese Ziele zu erreichen, nutzen wir Methoden der körper- und ausdrucksorientierten Psychotherapie, aber auch aus dem Bereich der Verhaltenstherapie.

Indem wir verschiedene Körper- und Ausdrucksübungen mit Fürsorge und Achtsamkeit für den Körper ausführen, können wir auf sanfte oder auch kraftvolle Art und Weise alte Blockierungen lösen, neue Ausdrucksmöglichkeiten erproben und die Lebensenergie wieder zum Fließen bringen. Wichtige Elemente sind dabei der Kontakt zum Boden, der Atem, die Stimme und die Beweglichkeit des Körpers. Auf diese Weise können die Patientinnen lernen, sich in ihrem Körpern mit all ihrer Vielfalt und Lebendigkeit wieder ganz zu Hause zu fühlen.

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Aufbau von Ressourcen

Patientinnen mit Essstörungen haben erfahrungsgemäß ein geringes Selbstwertgefühl und neigen dazu, ihre mangelnde Selbstakzeptanz durch perfektes Aussehen und ein ausgeprägtes Leistungsverhalten zu kompensieren. Unser Ziel ist es, Strategien zur Steigerung des Selbstwertgefühls zu fördern. Wir stärken die Wertschätzung der eigenen Person, unabhängig von den Ergebnissen des eigenen Handelns. Die Alltagsgestaltung spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Die Patientinnen lernen in Zusammenarbeit mit den Therapeutinnen und der Gruppe, vor allem therapiefreie Zeit am Wochenende positiv zu gestalten. Wir achten dabei darauf, dass persönliche Interessen und Verpflichtungen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen: Gemeinsame Unternehmungen in der Gruppe oder in Kleingruppen (Workshops, Ausflüge, Kino, Museum etc.) und Zeit im Kontakt mit sich selbst (lesen, malen, entspannen etc.) halten
sich die Balance.

Die Patientinnen können Hobbys wiederentdecken, tragfähige Beziehungen aufbauen und soziale Kompetenzen ent-
wickeln. Sie lernen, wieder Freude am Genießen zu entfalten, die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen und auch kleine Dinge wertzuschätzen. Der Ressourcenaufbau fördert die Fähigkeit zu Entspannung und Gelassenheit und unterstützt
den liebevollen Umgang mit sich selbst. Therapeutisch begleitete Wochenendveranstaltungen wie Kunstworkshops oder Improvisationstheater dienen ebenfalls diesen Zielen.

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Therapeutisches Schreiben

Für die konstruktive Auseinandersetzung mit Problemen hat sich neben den Gruppengesprächen die Bearbeitung des jeweiligen Themas in schriftlicher Form als sehr hilfreich erwiesen. Am TCE gibt es daher eine Reihe von so genannten Schreibaufträgen, die den Patientinnen als Werkzeuge auf ihren Weg aus der Krankheit zur Verfügung stehen. Einige dieser Schreibaufträge sind einmalige Arbeiten und werden von den Patientinnen nur zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Therapie erstellt (z.B. Tag in der Krankheit), andere können jederzeit als Hilfsmittel zur Lösung eines aktuellen Problems dienen (z.B. ABC). Die Schreibaufträge lassen sich im Allgemeinen je nach Themenbereich den einzelnen Therapiebausteinen zuordnen und werden in den entsprechenden Sitzungen der Gruppe vorgestellt.

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Medizinische Betreuung

Zu Beginn der Therapie am TCE findet eine medizinische Aufnahmeuntersuchung statt. Im Therapieverlauf werden auffallende medizinische Befunde beobachet. Es können Nachkontrollen von Laborwerten, EKGs oder Ultraschallkontrollen veranlasst werden. Auch bei akuten Beschwerden (z.B. bei Infekten) haben die Patientinnen die Möglichkeit, sich an die Ärztin des TCE zu wenden.

Bei erheblichem Untergewicht oder Verdacht auf medizinische Komplikationen werden die Betroffenen zunächst auf eine Station in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Dirtter Orden aufgenommen. Dort kann die erforderliche Diagnostik durchgeführt werden und ein schonender Kostaufbau unter medizinischer Überwachung erfolgen.

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Therapeutisches Wohnprogramm

Das therapeutische Wohnprogramm ist ein fester Bestandteil des TCE-Behandlungskonzeptes. Sowohl während der tagklinischen Intensivphase als auch in der sich anschließenden Stabilisierungsphase wohnen die Patientinnen in den therapeutisch betreuten Wohngruppen. Die Wohngruppen und die Räume der Tagklinik befinden sich auf demselben Gelände. Zurzeit stehen 24 Wohnplätze verteilt auf 6 Wohnungen zur Verfügung.

Die Patientinnen wohnen in Doppelzimmern in 4-Personen-WGs mit zumeist zwei Bädern, Küche und Gemeinschafts-
raum. Alle Wohnungen verfügen über einen eigenen Balkon. Die Räume sind möbiliert und können von den Bewohnerinnen nach eigenen Wünschen dekoriert und gestaltet werden.

Wichtige Ziele des therapeutischen Wohnens sind:

  • Intensivierung des Essprogramms nach verhaltenstherapeutischen Gesichtspunkten unter Supervision, einschließlich der selbständigen Zubereitung von Mahlzeiten
  • Gemeinsames Essen in der Gruppe
  • Entwicklung und Training von sozialen Kompetenzen wie Selbstbehauptung, Abgrenzung, Toleranz und gegenseitiger Unterstützung
  • Entwicklung und Training von Problemlösestrategien und Krisenmanagement
  • Förderung der Eigen- und Gruppenverantwortung
  • Förderung der gegenseitigen Wertschätzung
  • Förderung einer konstruktiven und offenen Zusammenarbeit im Sinne der Krankheitsbewältigung
  • Organisation von Freizeit
  • Verselbständigung

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Mögliche Kostenträger

  • Finanzierung durch Eigenmittel
  • Jugendamt am Wohnort (bei Patientinnen bis zum 21. Lebensjahr)
  • Bezirk Oberbayern (bei Patientinnen ab 21 Jahren)

Organisatorisches

Behandlungsschwerpunkt: Essstörungen

 

Wer ist am Klinikum Dritter Orden für diese Behandlung zuständig, und an wen muss ich mich wenden?

Therapie-Centrum für Essstörungen (TCE) München
Leitung: Frau Dr. Karin Lachenmeir
Lachnerstraße 41
80639 München
Telefon: 089 3580-473
Telefax: 089 3580-4747
E-Mail

Terminvereinbarung für Beratungsgespräche 
Telefon: 089 3580-473
(Frau Brigitte Drexler-Schaal, Erzieherin, Sozialbetriebswirtin)

 

Zur Klinik für Kinder- und Jugendmedizin